Es gibt Autoren und Bücher, die würde ich wirklich gerne mögen. Tue es aber nicht.

Paulo Coelho ist so ein Fall. Ich habe 11 Minuten gelesen und Veronika beschließt zu sterben. Beide haben mir nicht gefallen. Der Alchimist habe ich abgebrochen. Fand ich ganz schrecklich. Einzig und allein Sei wie ein Fluss, der still die Nacht durchströmt habe ich mit Genuss bis zur letzten Seite gelesen. Zweimal. Ich mag Paulo Coelho als Menschen (zumindest das, was man über die Medien von ihm mitbekommt) und deshalb würde ich seine Bücher wahnsinnig gern mögen, tue es aber, wie gesagt, nicht.

Warum rede ich über Paulo Coelho, wenn ich eine Rezension über Winterjournal von Paul Auster schreibe?

Weil Paul Auster für mich ebenso ein Würde-ich-gern-mögen-tue-es-aber-nicht-Autor ist. Ich habe schon vor vielen Jahren (ja ja, ich werde alt) die New York Trilogie, Von der Hand in den Mund, Nacht des Orakels und Moon Palace gelesen. Da könnte man sich jetzt fragen, warum ich vier Bücher von einem Autor gelesen habe, den ich eigentlich nicht mag. Tja, ich wollte ihn halt wirklich gern mögen und dachte immer, das nächste Buch könne mich vielleicht überzeugen. Paul Auster

Zugegeben, Moon Palace fand ich auch gar nicht soooo schlecht, doch nach dem vierten Auster-Buch konnte ich seine Storys einfach nicht mehr auseinander halten. Es schien sich alles um schreibende Männer in düsteren Wohnungen zu drehen, die irgendeinem mysteriösen Vorfall nachgehen. Also gab ich es schließlich auf und fragte mich bisweilen, was andere so an seinen Werken finden.

Nach sechs Jahren habe ich mich jetzt wieder an ein Paul-Auster-Buch gewagt.

Winterjournal (übersetzt von Werner Schmitz) hat mich wegen des autobiographischen Aspekts gereizt. Ich mag Bücher mit realem Hintergrund, also Geschichten aus dem echten Leben. Winterjournal hat mich nicht enttäuscht und das Lesen war ein Genuss. Das sieht man auch daran, dass ich das Buch innerhalb weniger Tage durchgelesen habe.

Mich hat vor allem Austers Mut beeindruckt. Das Buch ist sehr persönlich (logisch) und Auster schont sich selbst kein bisschen. An einigen Stellen dachte ich mir, „Oh, too much information!“ (zum Beispiel, wenn er von seinem Fast-Ersten-Mal mit einer Prostituierten erzählt oder von dem Tripper, den er sich mit 20 eingefangen hat), andere Stellen fand ich etwas langatmig (Aufzählung von all dem, was er denn so im Laufe seiner Jahre wohl gegessen hat), aber an vielen, vielen Stellen war ich einfach nur beeindruckt, wie offen Paul Auster mit seinem Leben, seinen Beziehungen und seinem Innersten umgeht.

Mitreißend, wie er den Tod seiner Mutter beschreibt. Faszinierend, wie leicht seine Worte durch meinen Kopf schweben, wie ich vor meinem inneren Auge sein Leben (miter)lebe und in seine Welt eintauche. Bei der Beschreibung des schweren Autounfalls im Jahr 2002 habe ich gar das Gefühl neben seiner Tochter auf dem Rücksitz seines Wagens zu sitzen, durch die Straßen von New York zu fahren und den anderen Wagen auf mich zukommen zu sehen, obwohl ich doch gemütlich auf der Terrasse meiner Eltern saß und Kaffee trank.

Paul Auster springt in Winterjournal von einem Thema zum nächsten, wahllos und ohne erkennbaren roten Faden. Er tangiert dabei alle Bereiche des Lebens – Gesundheit und Krankheit, Liebe, Sex, Kindheit, Eltern, Schreiben, Freude, Trauer und Tod – und erschafft so am Ende doch eine komprimierte und kohärente Zusammenfassung seines Lebens.

Werde ich nun also doch wieder Romane von Paul Auster lesen?

Nein, ich glaube nicht.

Ich habe eines erkannt: Es waren nie seine Geschichten, die ich mochte. Vielmehr waren es Paul Austers Geschichten, die ich nicht mochte. Sein Sprache hingegen – tausend Schmetterlinge, die in der Nachmittagssonne in den Himmel emporsteigen.

Ich habe durch Winterjournal meine Liebe für Paul Austers sprachliche Poesie wiederentdeckt. Ich habe erkannt, dass ich es mag, wie er Momente unglaublich perfekt beschreiben kann und mich mit seinen Worten in den Bann zieht. Und zum Glück brauchte Winterjournal keine fiktive Geschichte, (die mich wahrscheinlich des Vergnügens beraubt hätte) denn das Leben schrieb die Geschichte.

Und das Leben schreibt noch immer die besten Geschichten.

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