Letzte Woche habe ich Tolstoi und der lila Sessel ausgelesen und was soll ich sagen…. umwerfende 266 Seiten, die zu lesen ich nur jedem empfehlen kann.

Tolstoi und der lila Sessel ist neben Fenimore eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr bisher gelesen habe.

Nina Sankovitch hat nicht nur thematisch, sondern auch sprachlich meinen Geschmack getroffen (Wobei die sprachliche Schönheit wohl den Übersetzerinnen Anke Caroline Burger und Susanne Höbel zuzuschreiben ist). Sie schreibt in dem Buch über das Jahr, in dem sie jeden Tag ein Buch las – ein Traum für jeden leidenschaftlichen Leser! Auslöser dieses Lesejahres war allerdings ein trauriges Ereignis: der Tod ihrer älteren Schwester.

Doch zum Glück ist das Buch weder eine Aneinanderreihung von Rezensionen noch eine durch und durch traurige Geschichte. Vielmehr nutzt Sankovitch die gelesenen Bücher als Aufhänger, um über ihr Leben, ihre Familie und die verschiedensten Themen zu sprechen. Aussagen wie

Augenblicke voller Schönheit und Licht und Glück sind unsterblich. (S. 51)

oder

Wo Erinnerungen sind, gibt es keine Leere. (S. 198)

haben mich nachdenklich gestimmt und berührt. Geht ein geliebter Mensch von uns, scheint sein ganzes Leben verloren und nicht selten fühlen wir uns verloren. Doch im Grunde lebt dieser Mensch doch immer in uns weiter. Er hat für immer einen Platz in unserem Leben und bleibt durch Erinnerungen für uns allgegenwärtig.

Noch dazu lassen wir uns heutzutage viel zu schnell von der Eile des Alltags mitreißen und vergessen die kleinen Glücksmomente in uns aufzusaugen und in unserem Herzen festzuhalten. Wir suchen immer nach den großen glückbringenden Ereignissen, doch eigentlich ist es das ganz alltäglich Glück, das am Ende ein glückliches Leben ausmacht, nicht die Handvoll Urlaubsreisen oder großen Feste.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass das Leben an mir vorbeifliegt. Ich will jeden Moment festhalten, aus Angst, etwas zu verpassen und aus Furcht davor, wie schnell sich das Leben ändert. Am liebsten würde ich manchmal die Zeit anhalten, doch ich weiß, dass ich das natürlich nicht kann. Nina Sankovitchs Worte haben mir einmal mehr bewusst gemacht, dass ich das Glück in mir trage – mit den vielen Erinnerungen und wundervollen Augenblicken der Vergangenheit, die mir niemand nehmen kann.

Auch in vielem, was Sankovitch über das Lesen schreibt, konnte ich auch meine Gedanken wiederfinden. So sagt sie:

Wir sind, was wir gern lesen, und wenn wir zugeben, dass wir ein Buch lieben, geben wir auch etwas von uns selbst preis, sei es die Sehnsucht nach Liebe, die Suche nach Abenteuer oder die geheime Faszination für das Böse. (S. 124)

Geschichten sind etwas sehr Persönliches. Nicht nur persönlich für den Autor, sondern auch für den Leser. Was sagt es über mich aus, wenn mich eine Geschichte berührt, schockiert oder fasziniert? Spiegelt es nicht meine Seele wieder? Offenbart es nicht auch einen Teil meines Ichs? Wenn man ein Buch liest, ist man mit den Worten des Autors ganz allein. Selbst wenn man jemand anderem vorliest. Für jeden Leser bedeutet ein Satz etwas anderes. Bei jedem Leser rufen Worte andere Gefühle hervor. Und doch gibt es diese „Ja, genau“-Momente, wenn ein anderer Mensch genau das Gleiche denkt oder fühlt wie man selbst.

Beim Lesen von Tolstoi und der lila Sessel hatte ich einige dieser Momente. Zum Beispiel bei dem, was Sankovitch über Fenimore von Elizabeth Maguire sagt:

Die Worte die Maguire ihr [Constance Fenimore Woolson] über das Wunder des Lesens in den Mund legt, unterstrich ich mehrmals: „Hat es Ihnen schon einmal das Herz gebrochen, wenn ein Buch zu Ende geht? Kennen Sie es, dass ein Schriftsteller Ihnen noch ins Ohr flüstert, lang nachdem Sie die letzte Seite umgeblättert haben?“ Ja, und wie! (S. 135-136)

Diese Passage ist mir beim Lesen von Fenimore schon aufgefallen, denn ähnlich wie Sankovitch, dachte auch ich mir, „Natürlich kenne ich das!“ Schon lustig, genau die Stelle jetzt in dem Buch zu finden.

Tolstoi und der lila Sessel ist kein Buch, das man mal eben durchliest und dann wieder ins Regal stellt. Es regt zum Nachdenken über die eigene Familie und die Vergänglichkeit des Lebens an, ohne zu schwermütig zu werden.

Ein wundervolles Buch.

2 thoughts on “„Tolstoi und der lila Sessel“ von Nina Sankovitch

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