Viel wurde über die Veröffentlichung von Harper Lees „Gehe hin, stelle einen Wächter“ (Original: Go Set a Watchman) diskutiert, vor allem in Amerika.

War das Manuskript wirklich so lange „verschollen“? Wusste Harper Lee, mittlerweile 89 Jahre alt und von einem Schlaganfall 2007 gezeichnet, wirklich, dass sie mit ihrer Unterschrift der Veröffentlichung zustimmte? Hätte der Roman besser ein verschollenes Manuskript bleiben sollen?

Zu den ersten beiden Fragen werden wir wohl keine Antwort erhalten.

Zur dritten Frage. Tja, das ist natürlich subjektiv und auch wenn man sich zig Kritiken durchliest, ist man kein bisschen schlauer. (Siehe FAZ, Zeit, Tagesspiegel, Washington Post oder New York Times)

Meine Meinung?

Ich mochte „Gehe hin, stelle einen Wächter“.

Ist der Roman so gut wie „Wer die Nachtigall stört“? Nö. Ist die Geschichte ausgereift? Wohl nicht. Hatte ich Spaß beim Lesen? Und ob!

Im Roman erleben wir eine erwachsene Jean Louise „Scout“, 26 Jahre alt, mittlerweile in New York lebend, die ihre Familie in Maycomb besucht. Neben der Frage, ob sie ihren Jugendfreund Henry heiraten soll, steht vor allem Scouts Auseinandersetzung mit den Ansichten ihres Vaters und ihrer Heimatstadt im Mittelpunkt des Romans.

Vorurteile, ein schmutziges Wort, und Glaube, ein sauberes, haben etwas gemein: Sie fangen beide da an, wo die Vernunft endet. (S. 306)

Wir begleiten Jean Louise wie sie immer wieder in ihre Kindheit eintaucht, eine glückliche Zeit, denn „[i]rgendwie war damals immer Sommer“ und „[d]ie Tage waren lang“ (S. 66). Doch die Erinnerungen werden getrübt, ja gar zerstört, als sie erkennen muss, dass ihr Vater nicht der ist, für den sie ihn all die Jahre gehalten hat, sondern „ein Feigling und ein Snob und ein Tyrann“ (S. 282).

Ich mag es bloß nicht, wenn meine Welt ohne Vorwarnung durcheinandergebracht wird. (S. 88)

Und genau darum geht es für mich in diesem Roman. Die Zerstörung einer Gedankenwelt.

Scouts Welt wird platt gemacht und es fiel mir schwer, das mit anzuschauen.

Das kleine Mädchen, das in „Wer die Nachtigall stört“ so voller Stolz zu ihrem Vater aufschaute, verliert alles, an das sie je geglaubt hat und das sie zu der gemacht hat, die sie ist.

>>>Vorsicht, leichter Spoiler folgt. Da mich diese Szene etwas überrascht und sehr bewegt hat, will ich sie niemandem „wegnehmen“, der sie noch nicht gelesen hat. Wer es trotzdem lesen will: einfach den nächsten Absatz bis zum Zitat markieren.<<<

Auch die Liebe Calpurnias.

Diese Szene, als Scout die ehemalige Haushälterin besucht, hat mich besonders berührt. Nirgendwo wird für mich der Zusammenbruch von Scouts Welt deutlicher als hier (S. 180-184). Es scheint, als würde Scout hinter einem dieser Spiegel bei einem Polizeiverhör stehen, schreien und toben, und doch kein Gehör finden. Ihre Verzweiflung und ihre Erkenntnis, dass nichts mehr so ist wie früher, ist herzzerreißend.

Ich dachte, wir wären einfach nur Menschen. (S. 214)

Das Ende des Romans hat mich dann jedoch enttäuscht. Hätte Harper Lee „Gehe hin, stelle einen Wächter“ nach der „Nachtigall“ geschrieben, hätte ich gesagt, sie hatte Angst vor ihrer eigenen Courage. Doch da ihr zweiter Roman ja eigentlich ihr erster ist, glaube ich eher, dass sich hier zeigt, dass die Geschichte nicht ganz ausgereift ist. Dafür spricht auch, dass dieser Roman 1957 vom Verlag abgelehnt wurde, und Harper Lee eine Überarbeitung bzw. Verschiebung der Geschichte in die Kindheit Scouts empfohlen wurde.

Fazit

Trotz des für mich enttäuschenden Endes habe ich „Gehe hin, stelle einen Wächter“ mit großem Vergnügen innerhalb von wenigen Tagen gelesen. Und wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, dann hätte mir auch ein Tag gereicht, denn der Roman liest sich wunderbar flüssig (toll übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann!). Ich war zögerlich, als ich im Frühjahr von diesem Roman erfuhr, und hatte kurzzeitig sogar überlegt, ihn nicht zu lesen, da die Umstände der Veröffentlichung doch etwas seltsam sind.

Letztendlich bin ich froh, ihn gelesen zu haben. Er hat mich zum Nachdenken gebracht. Darüber, wen man zu seinem Helden kührt, wie leicht es ist, Dinge nicht zu sehen und wie schmerzlich es ist, wenn man den Glauben an die eigene Überzeugung, an seine Liebsten und an die Vernunft der Menschen in Frage stellen muss. Und ich bin auch ein bisschen traurig, dass Harper Lee nicht noch weitere Bücher geschrieben hat. Es wäre vielleicht noch der eine oder andere Klassiker dabei entstanden.

 

P.S.: Wer sich wie ich über den seltsamen Buchtitel gewundert hat – es ist ein Bibelvers. Und um es mit Atticus Finch’ Worten zu sagen:

Die Insel eines jeden Menschen, Jean Louise, der Wächter eines jeden Menschen ist sein Gewissen. (S. 300)

 

Gehe hin, stelle einen Wächter. Harper Lee. Deutsche Verlags-Anstalt. 2015. ISBN: 978-3421047199

 

 

 

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