„Ich kann gar nicht verstehen, was du an der findest. Ich kann mit ihr nichts anfangen“, hat meine Schwester gestern zu mir gesagt und mit „der“ meinte sie Jojo Moyes. Ist das zu glauben?!? Manchmal frage ich mich, ob wir tatsächlich dieselben Eltern haben – zumindest, wenn ich unseren Buchgeschmack vergleiche, denn was Literatur (ausgenommen Kinderbücher) angeht, kommen Nina und ich selten auf einen Nenner.

Aber zurück zu Jojo Moyes. Der Auslöser für Ninas Aussage war nämlich das neue Moyes-Buch „Ein ganz neues Leben“ (übersetzt von Karolina Fell), das auf meinem Sofa lag – und das ich innerhalb von wenigen Tagen durchgelesen habe.

Ich mag Jojo Moyes. Nicht ohne Grund gehört „Ein ganzes halbes Jahr“ zu meinen Top10-Büchern.

Ihr Schreibstil ist wunderbar flüssig und unprätentiös – nicht zuletzt sicherlich aufgrund einer guten Übersetzung. Jedes Wort steht für mich am richtigen Platz. Die Charaktere sind glaubhaft. Die Storys beinhalten meist irgendetwas Unerwartetes und sie regen mich immer zum Nachdenken über mein Leben an. So auch „Ein ganz neues Leben“.

Jojo Moyes

Der Roman ist die Fortsetzung von „Ein ganzes halbes Jahr“, weshalb ich große Erwartungen an ihn gesetzt hatte. „Ein ganzes halbes Jahr“ hat mich damals beim Lesen sehr berührt und hing mir noch lange nach. Und ich war anscheinend nicht die Einzige, denn wie Jojo Moyes im Nachwort des neuen Romans erzählt, bekam sie viele Zuschriften von Lesern, die wissen wollten, was aus Lou und den Traynors geworden ist.

Die Geschichte fängt etwas unspektakulär an: Man erfährt, was Lou getrieben hat und wie es ihr derzeit geht. Doch nach nicht mal 100 Seiten lässt Moyes eine kleine Bombe platzen, mit der ich nicht gerechnet hätte. Daraus entwickeln sich natürlich eine Reihe von Schwierigkeiten, die es zu lösen gilt und die Lous Leben kräftig aufmischen.

Man weiß nie, was passiert, wenn man aus großer Höhe abstürzt. (Ein ganz neues Leben, S. 103)

Was mich beim Lesen vor allem angesprochen hat, war Lous Verlorenheit. Sie ist in allem spürbar – in ihrer langweiligen Kleidung und ihrem leeren Kühlschrank, ihrem perspektiv- und anspruchslosen Job sowie in ihrer provisorisch eingerichteten Wohnung. Lou weiß nicht, wohin mit sich und ihrem Leben. Sie hat keinen Plan, kein Ziel, keine Wünsche oder Träume. Sie befindet sich in einer Warteschleife und scheint zu hoffen, dass irgendjemand ihr Leben für sie in die Hand nimmt, ihr sagt, was sie damit anstellen soll und ihr den Weg vorgibt.

Und ist nicht jeder früher oder später in seinem Leben mal ein wenig wie Lou? Sei es jetzt beruflich oder privat, manchmal steht man da und weiß nicht so recht, wie es weitergehen soll. Man kann sich nicht entscheiden, hat Angst, dass man eine falsche Entscheidung trifft oder welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Ich konnte Lou in dem Punkt gut verstehen. Es ist manchmal nicht leicht, erwachsen und ganz allein verantwortlich für das eigene Leben zu sein. Dann ist es für den Moment oft leichter (wenn auch nicht unbedingt klüger), gar nichts zu tun. Aber, einen Satz im Buch fand ich sehr wichtig, denn er bringt es auf den Punkt:

Nur ein einziger Mensch kann dir ein Lebensziel geben. (Ein ganz neues Leben, S. 447)

Am Ende kann niemand anderes für einen entscheiden, was man im Leben erreichen will und wie man sein Leben gestalten will. Diese Entscheidung liegt immer bei einem selbst. Wenn man nichts tut und sich vor Entscheidungen drückt, macht das die meisten Situationen im Leben nur noch komplizierter. Häufig ist irgendeine Entscheidung besser als gar keine Entscheidung, denn nur wenn man etwas wagt, bewegt man sich. Wie sagte schon Max Frisch und sang es Herbert Grönemeyer so schön? Stillstand ist der Tod. Manchmal muss man verharren und sich sammeln, um dann mit neuer Energie loszulegen. Doch man sollte nicht zu lange warten, sonst wagt man vielleicht nie den Schritt nach vorn. Das hat auch Lou verstanden. Und ich habe sie gern lesend dabei begleitet.

Ein ganz neues Leben Moyes

Fazit: Mit „Ein ganz neues Leben“ hat Jojo Moyes eine würdige Fortsetzung von „Ein ganzes halbes Jahr“ geschaffen. Ihr neuer Roman ist vielleicht nicht so mitreißend und berührend wie sein Vorgänger, bietet aber eine wichtige Erkenntnis: Stillstand ist der Tod und es liegt an einem selbst, etwas daraus zu machen, was das Leben einem serviert.

 

 

Ein ganz neues Leben. Jojo Moyes. Wunderlich Verlag. 2015. ISBN: 978-3805250948.

 

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