Das Leben ist wie eine Reise:

Man weiß nie genau, was einen erwartet, man weiß nicht, wie lange die Reise dauert und im Grunde ist der Weg bereits das Ziel.

Das war früher – zu Zeiten Humboldts – wohl noch viel zutreffender als es das heute ist, kam mir beim Lesen von „Die Vermessung der Welt“ in den Sinn. Keine Bahnfahrpläne oder durchgeplanten Multi-Stopp-Flüge. Keine Hotels, die man schon per Internet vom heimischen Wohnzimmer aus buchen konnte. Und schon gar kein Google-Streetview, das einem im Voraus zeigt, wie es auf der anderen Seite der Welt aussieht.

Wie mutig (oder verrückt) müssen Menschen wie Humboldt gewesen sein, dass sie sich dennoch in die Ferne wagten?

Kehlmann lässt seine Charaktere Humboldt und Gauß meist eher verrückt als mutig erscheinen – sozial unbeholfen, arrogant und emotional abgekapselt wirkten sie auf mich. Dennoch waren sie auf gewisse Art sympathisch und mit ihnen Bekanntschaft zu machen, war mir ein (Lese)Vergnügen.

In den kapitelweise abwechselnd beschriebenen „Biografien“ mischt Kehlmann Fakt und Fiktion und würzt die episodenhaft erzählten Lebensgeschichten mit einer unterhaltsam ironischen Erzählweise.

Dabei fand ich die Humboldt-Kapitel etwas fesselnder als das, was sich um Gauß herum abspielte. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Ausspruch von Humboldts Reisegefährten Bonpland:

Wer weit reiste, sagte er, erfahre viele Dinge. Ein paar davon über sich selbst. (S. 180)

Ich finde das sehr treffend. Ich bin zwar kein Globetrotter, dafür mag ich mein Zuhause viel zu sehr, bin aber doch schon viel gereist – früher sportlich bedingt zu Wettkämpfen überall in Deutschland und Europa, später zum Studieren und zum Vergnügen in die USA, nach Japan oder China.

 

Death Valley 2011
Death Valley, 2011

Ich glaube, dass es unglaublich wichtig ist, zu reisen. Eine Reise ist eine Ausnahmesituation. Sie versetzt uns in unbekanntes Terrain, konfrontiert uns mit fremden Menschen und Gebräuchen, liefert tägliche neue Erfahrungen und Erinnerungen.

Momente werden zu Geschichten, die man noch Jahre später erzählt.

Wie, „Wisst ihr noch, in China, als alle nach dem Besuch beim teuren Japaner kotzen mussten, aber das Fleisch beim versifften Mongolen ohne ordentlichen Kühlschrank wunderbar vertragen haben?“ Oder, „Erinnert ihr euch an Kurt Elling im Birdland, als wir uns total underdressed vorkamen?“

Viel zu oft versinken wir in unserem Alltagstrott und haben nur Augen und Ohren für unsere Probleme. Wagt man sich dann in die weite Welt, nimmt man ein wenig Abstand vom eigenen Leben und kommt meist mit einer frischen Perspektive zurück. Das hat noch nie jemandem geschadet. Ganz im Gegenteil.

 

Kehlmann, Daniel. Die Vermessung der Welt. Rowohlt Verlag. 2005. ISBN 978-3-498-03528-0

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