Ich liebe Briefe. Schon immer. Seit ich in der vierten Klasse gelernt habe, wie man Briefe schreibt, adressiert und per Post verschickt, fand ich diese Art der Kommunikation faszinierend: Eine überaus private Form der Mitteilung, die doch ganz öffentlich ihren Weg zum Adressaten findet! Und dann das Briefgeheimnis! Als Kind war mir natürlich nicht die rechtliche Seite des Ganzen bewusst, aber es klang so verschwörerisch und wer liebt es nicht, ein Geheimnis zu haben!

Meine erste Brieffreundin stammte aus der ehemaligen DDR. Ich erinnere mich nicht mehr an ihren Namen, ich weiß nur noch, dass diese Brieffreundschaft im Zuge einer Schulpartnerschaft entstand. Ich wusste nicht wirklich, was ich ihr schreiben sollte und es waren sicher kaum mehr als zwei oder drei Briefe, die wir austauschten. Später folgten dann jedoch längere Brieffreundschaften mit zwei Japanerinnen Aimi und Chikako und einer Australierin.

BriefeDer Austausch mit den Japanerinnen erstreckte sich über mehrere Jahre und führte sogar dazu, dass ich später Japanologie studierte (weil ich die Zeichen, die sie mir hier und da schrieben, beeindruckend fand, wie ein Rätsel, das man entschlüsseln will). Mit der Australierin Lisa schreibe ich auch heute noch Briefe. Zwar sind wir beide im 21. Jahrhundert angekommen und stehen auch über Facebook in Kontakt, dennoch ist es immer schön, einen Brief oder eine Postkarte von ihr zu erhalten.

Es ist für mich etwas ganz Persönliches, eine handschriftliche Nachricht von einem anderen Menschen zu erhalten, der sich die Zeit genommen hat, um ein paar Zeilen für mich zu verfassen, deren einziger Sinn im Grunde darin besteht, mir zu zeigen, dass die Person an mich gedacht hat.

Der Roman

Dass Briefe etwas sehr Persönliches sind und eine besondere Magie besitzen, zeigt auch „Der schönste Grund, Briefe zu schreiben“ von Ángeles Doñate (übersetzt von Anja Rüdiger).

Hier geht es um die Postbotin Sara, die in dem kleinen spanischen Dorf Porvenir lebt und kurz davor steht, ihren Job zu verlieren, weil die Dorfbewohner einfach keine Briefe mehr schreiben (in spanischen Dörfern ist man anscheinend vor Werbung, Rechnungen und Ikea-Katalogen sicher – muss ich mir merken!). Um die Schließung des Postamtes zu verhindern, startet Saras achtzigjährige Freundin Rosa eine Briefkette der besonderen Art und bringt die Einwohner von Porvenir dazu, mehr Briefe zu schreiben und sich gleichzeitig ihre Probleme von der Seele zu schreiben.

Aber vergiss nicht, dass es hier eigentlich weder um mich noch um dich geht. Es geht um Sara und das Postamt und eine Kette aus Worten, die so stark ist, dass niemand sie zerreißen kann. Führe sie fort. (Der schönste Grund, Briefe zu schreiben; S. 77)

Das Ende der Geschichte ist nun sicher keine Überraschung, aber ich finde, bei diesem Roman ist eh der Weg das Ziel. Es ist schön zu lesen, wie sich die Menschen im Schutz der Anonymität und des Briefgeheimnisses öffnen und dadurch am Ende eine verschworene Gemeinschaft entsteht, die selbst nichts von ihrer eigenen Existenz wusste. Ob Rentnerin, Hausfrau, Schriftstellerin oder junger Mann – jeder Briefschreiber hat eine Geschichte zu erzählen, die man ihm oder ihr nicht unbedingt angesehen hätte.

Dabei ist es faszinierend, einen Einblick in die verschiedenen Leben zu gewinnen und zu sehen, wie sich die Geschichten miteinander verweben. Und es macht einfach Spaß, den Roman zu lesen. Ángeles Doñate liebt Briefe und wie sie selbst im Nachwort schreibt, ist der Roman eine Hommage an das Briefeschreiben – und das spürt man.

Fazit:

Ein wunderschöner Roman, der das Leben und seine vielen Facetten aufzeigt – und Lust aufs Briefeschreiben macht!

 

 

Der schönste Grund, Briefe zu schreiben. Ángeles Doñate. 2016. Thiele Verlag. ISBN 978-3-85179-341-3

 

 

 

2 thoughts on “Der schönste Grund, Briefe zu schreiben – Ángeles Doñate

  1. Liebe Sarah,

    was für eine schöne Buchbesprechung! Da bekomme ich sofort Lust, diesen Roman zu lesen. :-) Allein deswegen, da ich früher auch so einige Brieffreundschaften in der „ganzen“ Welt hatte, u.a. eine Brieffreundin aus Japan. Das fand ich total spannend und bereichernd. :-) Leider nutze ich dieses Medium heute viel zu selten…
    Ich wünsche dir noch ein schönes und hoffentlich sonniges Rest-Wochenende!
    Herzliche Grüße von Tina

    PS: Fährst du eigentlich auch zur Frankfurter Buchmesse?

    1. Hallo Tina,
      Danke für deinen lieben Kommentar! Ja Briefe sind wirklich etwas Tolles oder?

      Zur Buchmesse fahre ich dieses Jahr wahrscheinlich leider nicht… Zu viel zu tun! :)
      Wirst du dort sein?
      LG Sarah

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *