Wenn ich an meinen Opa denke, habe ich immer das Bild vor Augen, wie er uns Kindern mit zerzausten Haaren hinterherläuft und „Bursche!“ ruft, als hätten wir etwas ausgefressen. Ich mochte meinen Opa sehr und musste beim Lesen des Romans öfter an ihn denken…

Oberflächlich gesehen dreht sich „Denn das Glück ist eine Reise“ (von Caroline Vermalle/übersetzt von Karin Meddekis) um die Beziehung zwischen Adèle und ihrem Großvater. Zu Beginn haben die beiden nicht gerade das engste Verhältnis. Genau genommen haben sie eigentlich gar keine Beziehung zueinander, da sie sich viele Jahre kaum gesprochen, geschweige denn gesehen haben.

Während Adèle in London ihrem stressigen Job als Praktikantin beim Film nachgeht, lebt ihr Opa allein in Frankreich auf dem Land. Doch mit seinem ruhigen Leben ist es vorbei, als er sich auf eine große Reise begibt: Zusammen mit seinem Nachbarn Charles will der 83-Jährige die Strecke der Tour de France mit dem Auto nachfahren. Der einzige Berührungspunkt zwischen Adèle und ihrem Großvater? SMS.

Erst zögerlich und tapsig, dann mit immer mehr Freude und Selbstbewusstsein schreibt Opa Georges seiner Enkelin jeden Tag Textnachrichten, um sie auf dem Laufenden zu halten. Mit der Zeit finden beide Spaß daran und es ergibt sich ein reger SMS-Wechsel (Ich finde, Caroline Vermalle hat das gut gelöst. Da sie nur ein paar der SMS wirklich in den Text eingebaut hat, unterbrechen diese nicht allzu sehr den Lesefluss.)

Doch eigentlich geht es in dem Roman um viel mehr als nur die Beziehung zwischen Opa und Enkelin. Vermalle schlägt auch sehr ernste Themen an – mal ganz direkt mal zwischen den Zeilen. Sie schreibt über das Älterwerden und den Tod. Über Freundschaften und Liebe. Und darüber, wie Generationen aufeinander zugehen und voneinander lernen können.

„Denn das Glück ist eine Reise“ mahnt aber auch, seine Träume nicht aufzuschieben, sondern das Leben hier und heute zu genießen und voll auszukosten.

Es war doch so einfach, mit allem immer wie gewohnt weiterzumachen. (S. 28)

Georges hat im Grunde Angst, dass die letzten Jahre seines Lebens an ihm vorbeiziehen, er einfach dasteht und es geschehen lässt – auf der anderen Seite merkt man seine Angst vor der eigenen Courage. Ich kann Georges gut verstehen. Zwar bin ich noch keine 80, doch trotzdem habe ich auch manchmal das Gefühl, so im Alltagstrott zu stecken, dass ich vergesse, an meinen Träumen zu arbeiten. Ich möchte gerne einen Roman veröffentlichen, doch schaffe es in letzter Zeit vor lauter Übersetzungsaufträgen, Blogartikeln und dem allgemeinen Lebenschaos nicht, mehr als ein paar Zeilen pro Woche zu schreiben. Vermalle hat mich mit ihrem Roman daran erinnert, dass man mit der Erfüllung seiner Träume nicht warten sollte, bis man 80 ist. Man weiß nie, ob man dann noch die Chance bekommt.

Fazit: „Denn das Glück ist eine Reise“ ist ein berührender Roman, der zum Nachdenken anregt und wachrüttelt – auf charmante, stille und gleichzeitig unterhaltsame Weise. Wer Lust auf einen frischen Senioren-Roadtrip-Roman mit Humor und Tiefgang hat, liegt mit „Denn das Glück ist eine Reise“ genau richtig.

 

Denn das Glück ist eine Reise. Caroline Vermalle. Bastei Lübbe. 2011. ISBN: 978-3-404-16809-5

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